Die Tragödie von Odessa

Der 2. Mai 2014 hat für Russen eine besondere Bedeutung. An diesem Tag wurde das Gewerkschaftshaus in Odessa in Brand gesetzt. Dabei kamen insgesamt 47 Menschen ums Leben, 42 davon waren pro-russische Aktivisten. Noch immer ist der Fall nicht vollständig aufgeklärt. Es gab zwar einen Untersuchungsbericht, aber der wurde vom ukrainischen Innenministerium in Auftrag gegeben, was zu harscher Kritik seitens Europarat führte: https://www.tagesschau.de/ausland/odessa-europarat-101.html.

Das entspreche, so die Begründung, nicht der Europäischen Menschenrechtskonvention für unparteiliche Ermittlungen. Unverständnis ernteten auch Polizisten, die nicht reagierten. Die Feuerwehr traf erst nach 40 Minuten an der Brandstelle ein, obwohl sich die nächste Feuerwehrstation ganz in der Nähe befand.

Warum ich das erzähle?

Das, was an diesem Tag in Odessa passiert ist, hat sich ins nationale Gedächtnis der Russen eingebrannt. Ihrer Meinung nach war das der ultimative Beweis dafür, dass ihre Volksleute in der Ukraine gejagt und ermordet werden. Deshalb müsse man sie beschützen. Unter anderem deshalb melden sich noch immer tausende russische Freiwillige, um – an der Seite von Soldaten und Offizieren – im Donbass zu kämpfen.

Als ich im März 2015 für eine Focus-Geschichte über russische Freiwillige in St. Petersburg recherchiert habe, bezogen sich die Interviewten unisono auf die Ereignisse am 2. Mai 2014. Die Argumentation: Man dürfe keinesfalls zulassen, dass sowohl Menschen der russischen Minderheit als auch pro-russische Aktivisten ein ähnliches Schicksal ereile. Dabei gibt es Gerüchte, dass der FSB höchstpersönlich hinter dem Brand steckt, damit der Krieg in der Ostukraine – dieser Logik folgend –  Sinn macht.

Bei unserem digitalen Magazin „Deine Korrespondentin“ haben wir den Anspruch nachhaltig zu berichten. Als ich Ende November 2015 in Odessa unterwegs habe, war ich auch am Gewerkschaftshaus. Ich habe dort Passanten interviewt und gefragt, was ihrer Meinung nach an diesem Tag in Odessa passiert ist und wessen Schuld das war.

Die Antworten hätten erwartungsgemäß nicht unterschiedlicher sein können. Ein Mann sagte: „Ich denke, das war eine Provokation vonseiten der pro-russischen Aktivisten. Ich war selber nicht da, aber ich habe mir danach viele Videos im Internet angesehen und da wird deutlich: Alles hat mit einer friedlichen Demo angefangen und ging dann plötzlich über in so eine Tragödie.“

Eine Frau meinte: „Das war alles bezahlt und inszeniert. Die Verursacher sitzen in der Stadtregierung, deshalb hat man bis heute keine Verantwortlichen gefunden. Wir hatten schon zwei Wahlen, aber geändert hat sich nichts. Es sind noch immer dieselben Leute an der Macht. Einzig das Leben ist schwieriger geworden – die Preise für Lebensmittel steigen und steigen.“

Ein anderer Mann erklärte: „Wir tragen alle Schuld, aber vor allem die Polizisten und Rettungskräfte haben versagt. Alle wussten, dass so etwas passieren würde. Ich war damals mit meinen Freunden unterwegs und es war klar, dass die Demo im Zentrum beginnt und vor dem Gewerkschaftshaus endet. Das heißt, man hätte sich entsprechend vorbereiten können, aber daran war niemand interessiert.“

Schließlich sagte ein Mann Ende 50, der in den 70er Jahren in Moskau studiert hat: „Die Machthaber sind Schuld, ganz klar. Sie wollten uns mit Gewalt von Russland wegbringen. Dabei hat jeder von uns Verwandte in Russland. Sie können mir glauben, dass Menschen meines Alters nicht in Europa leben wollen, sondern zu Russland dazugehören wollen. Der Brand wurde von amerikanischen Spezialeinsatzkräften verursacht. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel.“

"Pomnim! Wir erinnern uns!"

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