Kein Kommentar.

Für die Polen sind schwere Zeiten angebrochen. Einst Musterkind, das die Finanzkrise europaweit am besten überstanden hat – Wirtschaftswachstum statt Rezession – wird es jetzt zunehmend kritisch beäugt. Gestern hat Regierungschefin Beata Szydlo den Kurs ihrer nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) in Straßburg verteidigt: http://www.tagesschau.de/ausland/eu-polen-107.html.

Daunenfedern regnen vom Breslauer Himmel, allerdings ist bei Journalisten landauf landab von Leichtigkeit derzeit wenig zu spüren.

Das neue Mediengesetz bereitet derzeit vielen Europäern Kopfzerbrechen. Die Sorge: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerät zunehmend unter Regierungskontrolle. Pressefreiheit ade. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Situation der Pressefreiheit in Osteuropa. Ich habe dazu Journalisten und Medienexperten in Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Ukraine, Belarus, Moldau, Rumänien, Serbien und natürlich Russland interviewt.

Deshalb wollte ich natürlich auch, als ich am vergangenen Wochenende in Breslau war – Europäische Kulturhauptstadt 2016 – polnische Kollegen interviewen. Ich wollte wissen, was sie über das neue Mediengesetz denken, das in Deutschland so heftig kritisiert wird. Deshalb habe ich einige im Vorfeld angeschrieben und bekam: keine Antwort. Nur ein Kollege vom polnischen Radio schrieb:

„Es tut mir leid, aber als Festangestellter darf ich über die Situation der Medien offiziell nicht reden und sich zu diesem Thema äußern (offizielle Anordnung). Die Einzigen, die diese Situation kommentieren dürfen, sind freie Mitarbeiter oder Pressesprecher des Polskie Radio und TVP. Die Presseabteilung befindet sich aber in Warschau.“

Bei einer Pressekonferenz treffe ich doch einen polnischen Journalisten, der hinter vorgehaltener Hand von großer Verunsicherung spricht. Man wüsste überhaupt nicht mehr, was man berichten solle – und vor allem wie. Ist das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2016 ein euphorisches Ereignis für das Land oder werden nur Unsummen an Geld vernichtet? Während des Kommunismus, scherzt er, habe man wenigstens gewusst, was Propaganda bedeute und wie die Linie der Parteiführung aussehe. Nun könne jeder Beitrag, jeder Artikel den Job kosten.

Bei einem Interview Anfang des Jahres sagte Bartoz Wielinski von der linksliberalen „Gazeta Wyborcza“: „Die Regierung betrachtet uns als Feinde.“ Er ist einer der Wenigen, der sich bislang überhaupt geäußert hat. Auch wenn wir alle derzeit in eine ungewisse Zukunft blicken – Stichwort Medienrevolution, Digitalisierung, Glaubwürdigkeitsverlust, erodierende Geschäftsmodelle – so haben es die Polen unter der neuen Regierung besonders schwer. Denn bei ihnen kommt jetzt noch die Schere im Kopf dazu.

Das lesenswerte Interview mit Bartoz Wielinksi unter: http://meedia.de/2016/01/05/die-regierung-betrachtet-uns-als-feinde-journalist-bartosz-wielinski-ueber-polens-pressefreiheit/.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.