Mehr Transparenz wagen

Es ist Zeit, für mehr Transparenz zu sorgen.

Die deutschen Medien stecken aufgrund der Ukraine-Berichterstattung in einer Glaubwürdigkeitskrise. Ich persönlich werde oft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass deutsche Medien – genauso wie russische und amerikanische Medien – „gelenkt“ oder „gesteuert“ seien. Mich lenkt niemand. Ich führe Interviews und verwerte Teile daraus für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland.

Deshalb habe ich mich entschieden, mit meinen bescheidenen Mitteln für ein bisschen mehr Transparenz zu sorgen und Interviews, die ich besonders erhellend finde, auf der Plattform SoundCloud zu veröffentlichen. Der Grund: Dort kann ich auch längere Interviews hochladen. Auf meinem Blog ist die Länge, aufgrund der Speicherkapazität, auf zehn Minuten begrenzt.

Den Anfang macht Kyryl Savin von der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew, mit dem ich vor einem Jahr bereits ein Interview geführt habe: https://www.pauline-tillmann.de/2014/02/interview-mit-kyryl-savin/. Jetzt spricht er darüber, was von der Euphorie des Euromaidan übrig geblieben ist, wie die aktuelle Lage einzuschätzen ist, was er persönlich von Präsident Petro Poroschenko hält und wie es, seiner Einschätzung nach, mit dem Osten der Ukraine weitergeht.

Link zum ausführlichen Gespräch: https://soundcloud.com/paulinetillmann/interview-mit-kyryl-savin-heinrich-boll-stiftung-kiew

Hinweis: Da ich die komplette Veröffentlichung des Interview ursprünglich nicht geplant habe, sind meine Fragen nur im Hintergrund zu hören – das bitte ich zu entschuldigen.

Außerdem möchte ich gerne noch zwei Aussagen von Andreas Umland aufgreifen. Umland ist Politologe und DAAD-Lektor an der Mohyla-Akademie in Kiew. Ich habe ihn gefragt: Warum sollen eigentlich Europäer der Ukraine Geld geben? Seine Antwort:

„Also eine Begründung wäre zum Beispiel, dass ein Teil dieser Steuergelder aus Handel mit Russland erwächst und dass eben durch diesen Handel und durch die Investitionen in Russland bzw. auch die russischen Investitionen in der europäischen Union ein Teil der Einnahmen entsteht und dass die Europäische Union indirekt die Handlungen Russlands gegenüber der Ukraine mitfinanziert. Weil es eben so ist, dass ein großer Teil des russischen Staatsbudgets aus dem Verkauf von Rohstoffen kommt, vor allen Dingen Energieträgern, und ein Großteil dieser Exporte geht in die Europäische Union. Und wenn es diesen Handel nicht geben würde, wenn die Europäische Union die Energieträger nicht bei Russland kaufen würde, wenn die EU weniger investieren würde in Russland, dann hätte Russland wahrscheinlich gar nicht die Mittel, um das zu veranstalten, was es gerade veranstaltet. Das wäre eine Begründung.

Und die andere Begründung ist, dass der EU aus Eigeninteresse eigentlich gar nichts anderes übrig bleibt, denn wenn dieses Land hier kollabiert, dann wird es 46 Millionen potenzielle Flüchtlinge geben. Davon werden sich nicht alle auf den Weg machen, aber selbst wenn es nur ein paar Millionen sind, die dann versuchen werden über die ukrainisch-polnische Grenze oder die ukrainisch-ungarische Grenze nach Europa in die EU zu kommen, dann wird es ein enormes inneres Problem der Europäische Union geben. Viele werden versuchen nach Deutschland gehen, denke ich mal. Deutschland ist hier sehr populär.“

Außerdem sprechen wir über den berühmten Riss, der sich durch die Ukraine zieht. Früher hat man die Trennlinie zwischen Timoschenko (orange)- und Janukowitsch-Anhängern (blau) gezogen. Durch die Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass hat sich die Lage spürbar verändert.

„Ich denke, dass der Riss eher zurückgegangen ist, weil wenn man auf die Umfragen schaut, dann hat es einen wesentlichen Stimmungswandel in der Ost- und in der Südukraine gegeben. Dass jetzt eben die Europäische Union und sogar die NATO relativ populär geworden sind, vor dem Hintergrund des Krieges. Und dass das Land vereint ist, man könnte sagen in einer Art Putin-Feindschaft, also eine radikale Ablehnung nicht Russlands sondern des jetzigen Regimes in Russland, welches für den Krieg verantwortlich gemacht wird – nicht für nur die Annexion der Krim sondern für die meisten Ukrainer ist völlig klar, dass das was in der Ostukraine passiert, von Russland gesteuert, finanziert, organisiert wird.“

Link zum Wikipedia-Eintrag über Andreas Umland, der häufig von ukrainischen Medien eingeladen und zitiert wird: http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Umland.

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