Fazit. Maidan.

Ich habe mit drei Männern aus Lemberg gesprochen, die mehrfach auf dem Maidan in Kiew waren. Einer von ihnen, Vitaliy, sagt, dass er enttäuscht sei von Europa, weil es in der ganzen Zeit des Protestes keine Unterstützung von Seiten der Europäischen Union gegeben habe. Durch Sanktionen hätte man die Machthaber – also auch Ex-Präsident Viktor Janukowitsch – empfindlich treffen können. Doch dazu konnte  sich die EU nicht durchringen. Vitaliy sagt: „Die EU redet nur und macht nichts. Das heißt, wir müssen unser Schicksal selber in die Hand nehmen.“ Im Nachhinein ist es mühsam darüber zu spekulieren, ob die vielen Toten durch ein früheres Eingreifen der EU hätten verhindert werden können. Viel spannender ist die Frage:

Wie hat die Zeit auf dem Maidan in Kiew die Menschen verändert?

Vitaliy Horbatenko, 29 Jahre

„Ich war einer der Koordinatoren. Insgesamt war ich drei Wochen auf dem Maidan in Kiew, zuletzt Ende Januar, als es die ersten Toten auf der Gruschewski-Straße gegeben hat. Ich habe gespürt, diejenigen, die mit mir dort waren, das waren meine Brüder. Auf dem Maidan waren Ukrainer aus Ost und West, aus Nord und Süd. Es waren alle Religionen vertreten und auch alle Sprachen, das heißt Ukrainisch genauso wie Russisch. Wir waren zum ersten Mal eine Einheit. Und diese vielen Toten, die werden wir niemals verzeihen. Das war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, denn das waren einfache Leute, viele von ihnen haben keine Waffen getragen – und wurden von Scharfschützen erschossen.

Mit einem von ihnen war ich gut befreundet: Bogdan Solchanyk. Er hat an der Katholischen Universität in Lemberg unterrichtet, er war sozial aktiv und ich habe viel mit ihm darüber diskutiert, wie man die Ukraine verändern könnte. Was zu tun wäre, um uns europäischen Werten anzunähern. Und Bogdan sagte immer: „Wenn wir in eine unbekannte Situation kommen, müssen wir Verantwortung übernehmen.“ Sein Tod war ein Schock für mich, mehr noch, es ist eine Tragödie. Ich habe verstanden, dass jeder für die Situation im Land verantwortlich ist und dass jeder Einzelne von uns politisch aktiv sein sollte, um die Politik ständig zu kontrollieren – so wie in Europa.

Nach der Orangenen Revolution haben wir uns alle wieder ins Private zurückgezogen und den Politikern freie Hand gelassen, das Land an den Abgrund zu treiben. Doch an diese „100 himmlischen Gefallenen“ werden wir in Zukunft denken. Sie sind für den Traum einer anderen Ukraine gestorben, für eine Ukraine, die unabhängig ist von Russland. Unser Auftrag ist es jetzt, die Ukraine aufzurichten und sie besser zu machen.“

Andriy Pschik, 22 Jahre

„Ich will, dass wir in einem europäischen Land leben. Ich will, dass sich das gesamte System verändert, von der Bildung angefangen, über die Politik bis hin zur Wirtschaft. Insgesamt bin ich innerhalb von drei Monaten 28 Tage auf den Maidan gefahren. Ich habe eine gewisse Schuldigkeit gegenüber meinem Land gespürt. Ich wusste, wenn ich es nicht ändere, wird es niemand für mich ändern. Denn in Lemberg sind wir besonders fortschrittlich und westlich geprägt, aber Korruption gibt es auch hier. Wir verdienen wenig und unsere Straßen sind durchzogen von Schlaglöchern. Vielleicht verfügen wir über mehr Disziplin als in anderen Teilen des Landes, aber die Probleme sind dieselben.

Ende Februar war ich das letzte Mal auf dem Maidan in Kiew. Ich bin am 22. Februar zurückgekehrt. Das heißt, ich habe das Blutvergießen auf der Institutskaja-Straße hautnah mitbekommen. Ich habe gesehen wie zwei meiner Freunde ums Leben gekommen sind. Einer davon war ein Kommilitone, den anderen habe ich in Kiew kennengelernt. Ich kann gar nicht beschreiben wie furchtbar es ist, mitanzusehen wie Menschen kaltblütig erschossen werden. Auf offener Straße. Am helligten Tag. Wir haben Gasmasken getragen, weil immer wieder Gasgranaten in unsere Richtung abgefeuert wurden. Wir haben Verletzte und Tote abtransportiert – dabei hat man einigen von uns in den Rücken geschossen.

Wir haben gesehen, wie Menschen Gliedmaßen weggesprengt wurden. Wir haben gesehen wie Menschen schreien und sich krümmen, vor Schmerzen. Was soll man da noch empfinden? Es war wohl der schlimmste Tag in meinem Leben. Gleichzeitig habe ich verstanden, dass wir weiterkämpfen müssen. Wir Ukrainer sind ein starkes Volk. Wir haben die Kraft, etwas zu verändern. Was wir jetzt brauchen sind Politiker, die das verstanden haben, die verstanden haben warum wir das alles gemacht haben.“

Mariano Neschtschuk, 52 Jahre

„Eigentlich bin ich Journalist und arbeite für unterschiedliche Zeitungen. Aber jetzt organisiere ich die Bürgerwehr in Lemberg. Das heißt, ich koordiniere Männer, die nachts in der Stadt patrouillieren. Ehrenamtlich. Sie wollen unsere schöne Stadt beschützen, denn die Polizei lässt sich kaum mehr blicken. Und das ist auch gut so, denn der Großteil dieser Beamten hat immer nur in die eigene Tasche gewirtschaftet. Wir brauchen solche Polizisten nicht.

Auf dem Maidan war ich drei Mal, zuletzt Ende Januar. Als die ersten Menschen ums Leben gekommen sind, habe ich mich – ehrlich gesagt – gefreut. Denn die Demonstranten sind dadurch endlich aus ihrem Dornröschenschlaf aufgewacht. Es gab eine gewisse Lethargie – und die wurde durch die ersten Opfer endlich aufgehoben. Dabei haben die Anhänger der Partei „Swoboda“ eine entscheidende Rolle gespielt. Ich selber bin Anhänger dieser Partei, denn sie vertritt am ehesten die Ideologie dieser Revolution

(Anmerkung der Autorin: Swoboda war früher rechtsextrem und wird heutzutage als rechtsradikal eingestuft, russische Medien sprechen bei den Oppositionellen immer wieder von „Nationalisten“ und Faschisten“ – das geht, unter anderem, darauf zurück.)

Ich bin mir sicher, dass diese viele Menschen nicht umsonst gestorben sind. Denn wir haben jetzt ganz andere Ansprüche an die Machtelite als nach der Orangenen Revolution. Wir haben begriffen, dass das Volk der Souverän ist – und nicht die Politiker.“

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