Endspurt in Sotschi

In knapp drei Monaten starten die Olympischen Winterspiele. Um sich anzuschauen, wie weit die Vorbereitungen sind, habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Friedel Taube (Deutsche Welle) eine neuntägige Recherchereise an die „russische Riviera“ veranstaltet: http://www.journalists-network.org/index.php?artnr=358.

Gemeinsam mit elf anderen Kollegen haben wir uns vom 9. bis 17. November ein eigenes Bild von der Lage vor Ort gemacht – und es hat sich wenig geändert seit meinem letzten Besuch vor wenigen Monaten: http://www.deutschlandfunk.de/bauboom-an-der-russischen-riviera.1242.de.html?dram:article_id=267584.

Die Menschen jammern nicht mehr so laut, weil sie die Zielgerade vor Augen haben. Sie glauben, bald ist es vorbei mit Lärm, Staub und Dreck. Wenn man sie als ausländischer Journalist nach ihrer Meinung zu Sotschi und den Olympischen Winterspielen fragt, bekommt man nahezu ausschließlich begeisterte Antworten: „Es ist eine einzigartige Chance!“ oder „Russland kann der Welt zeigen, wozu es imstande ist!“

Das Großereignis wird als „Wiedergeburt Russlands“ gefeiert. Russland kann damit endgültig seinen Platz in der Welt manifestieren – so die Theorie. In der Praxis wird allerdings deutlich: Die Zeit wird knapp. Deshalb sind die Bauarbeiter Tag und Nacht im Einsatz. Ruhetage gibt es nicht. Es wird sieben Tage die Woche gearbeitet, zehn bis zwölf Stunden am Tag. Im Vorfeld war viel von Ausbeutung die Rede, von Gastarbeitern aus Usbekistan und Tadschikistan, die zu Zehntausenden auf den vielen Baustellen rackerten.

Seit dem 1. November sind die meisten Gastarbeiter weg. Sie wurden nach Hause geschickt, weil man Angst hat, dass sie nach der Olympiade in Sotschi bleiben und kriminell werden würden. Jetzt schuften auf den Baustellen Russen aus Tomsk oder Wolgograd für doppelt so viel Geld. Sie verdienen 1.000 bis 2.000 Euro im Monat. Für jemanden aus der Provinz kommt das fast schon einem Jahreseinkommen gleich.

Es werden die teuersten Spiele aller Zeiten

Wenn man durch das Zentrum von Sotschi fährt, durch den Olympia-Park oder auch in die Berge, dann kann man sich kaum vorstellen, dass alle diese Gebäude, die gesamte Infrastruktur innerhalb von drei Jahren aus dem Boden gestampft worden ist. Deshalb – und aufgrund der grassierenden Korruption – werden es mit 40 Milliarden Euro die teuersten Spiele aller Zeiten. Das ist den Russen aber, so der Eindruck, herzlich egal. Sie sind stolz auf das, was geleistet worden ist.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann! Für einen Ausländer wie mich wirkt das alles ziemlich künstlich und unwirklich. Ich denke in diesem Moment nicht an Russlands Verdienste sondern an die Umweltzerstörungen, die begangen worden sind und an die Menschen, die zwangsumgesiedelt wurden. Wo viel Licht ist, da ist auch Schatten. Man nimmt das bereitwillig in Kauf – schließlich handelt es sich um nichts Geringeres als um Putins Festspiele.

Link zum ZDF-auslandsjournal spezial, das gestern Abend ausgestrahlt wurde: http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/f0f0cb05-34cc-399f-9afe-459d94074e18/20235873?doDispatch=2 

Und zum Artikel des geschätzten Kollegen Lars Spannagel, der seine Eindrücke von der Reise als Erster für den Tagesspiegel zusammengefasst hat: http://www.tagesspiegel.de/sport/winterspiele-in-sotschi-80-tage-vor-dem-start-planieren-unter-palmen/9086448.html.

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