Unsichere Zeiten.

Der Beruf des Journalisten ist unsicherer geworden. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls bekommen, wenn man die Meldungen der letzten Monate liest. Ich denke manchmal daran, wie das war als ich vor zwölf Jahren den Entschluss gefasst habe, Journalistin zu werden. Auch damals hieß es: Es ist total schwierig, Fuß zu fassen. Es ist total schwierig, ein gutes Volontariat zu bekommen. Es ist total schwierig, gut davon leben zu können. Und überhaupt: Da draußen wartet keiner auf dich.

Gemäß dem Motto: Die fetten Jahre sind vorbei.

Heute ist das wohl mehr denn je so. Jüngst wurde bekannt, dass die Redaktion der Westfälischen Rundschau dicht macht und damit erneut 120 Journalisten auf der Straße stehen. Im letzten Jahr meldete erst die dapd Insolvenz an, später wurden die FTD und die Frankfurter Rundschau eingestellt. Ich kenne Kollegen bei den genannten Medien. Dadurch bekommt man diese Medienkrise unmittelbarer, viel direkter mit. Die Schicksale der arbeitslos gewordenen Journalisten sind nicht mehr abstrakt sondern werden plötzlich konkret.

Aber was bedeutet das für den Beruf des Journalisten?

Nun zum einen wohl, dass man sich klar werden muss: Nix is fix. Vielerorts gibt es so genannte „prekäre Beschäftigungsverhältnisse“. Verträge, die befristet sind. Verträge, die es unmöglich machen zu planen. Vor kurzem habe ich von einer wissenschaftlichen Hilfskraft an der Uni gehört, die sich von 3-Monatsvertrag zu 3-Monatsvertrag hangelt. Das ist ohne Frage ein Problem. Aber: Es auch eine Lebenswirklichkeit, mit der man lernen muss umzugehen. Laut Statistik hat die Zahl der Minijobs, Leiharbeiter und befristeten Stellen in den letzten zehn Jahren drastisch zugenommen. Viele empfinden das als existenzbedrohend.

Doch gab es je Zeiten der Vollbeschäftigung? In den 50er Jahren? In den 60ern? Ganz sicher nicht als ich geboren wurde. Das war 1983. Arbeitslosigkeit gab es in meinem Bewusstsein schon immer. Und heute ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland mit knapp drei Millionen vergleichsweise niedrig.

Interessant finde ich, dass viele junge Leute, mit denen ich spreche, von einer Festanstellung träumen. So als ob es ein Ausweis an Erfolg ist, wenn man eine feste Stelle ergattern konnte. Erstens gibt es heutzutage viel weniger feste Stellen als früher. Zweitens ist es viel spannender als Freiberufler zu arbeiten. Und drittens: Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk – für den ich hauptsächlich tätig bin – wird 80 Prozent des Programms von freien Mitarbeitern gemacht. Wenn ich „nur“ für Zeitungen aus dem Ausland berichten würde, hätte ich vielleicht auch Existenzängste.

Andererseits: Was könnte mir schlimmstenfalls passieren? Dass ich meine Miete nicht bezahlen kann? Dass ich sozial abrutsche? Da empfehle ich die folgende Sendung: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1705332/Die-Angst-vor-dem-sozialen-Abstieg#/beitrag/video/1705332/Die-Angst-vor-dem-sozialen-Abstieg. Ein interessantes Format, das sich mit den Ängsten der Deutschen („German Angst“) beschäftigt. Bester Satz eines Interviewpartners: „Eine wirkliche Sicherheit gibt es nicht.“

Dass man Angst hat zu scheitern, ist völlig natürlich. Aber man sollte sich gleichzeitig darüber im Klaren sein: Meistens birgt dieses Scheitern auch die Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Und dabei an die eigenen Grenzen zu gelangen. Da wo man sonst nie hingekommen wäre. Ich denke mir immer: Geht die eine Tür zu, öffnet sich eine andere Tür. Das Wichtigste ist, finde ich jedenfalls, an sich zu glauben. Und das, was man tut, mit Leidenschaft zu tun. Klingt banal, ist aber – so meine Erfahrung – der Schlüssel zum Erfolg. Ich selber hatte nie Angst meine Miete nicht bezahlen zu können. Ich wusste immer, ich kann von meiner Arbeit leben. Und das sollte das dominierende Gefühl sein.

Ich finde, es ist Zeitverschwendung darüber nachzudenken, was wäre wenn… denn am Schluss kommt alles doch ganz anders als geplant. John Lennon sagte einmal: „Life is what happens while you’re busy making other plans.“ Deshalb lautet mein Motto 2013:

Live. More.  

6 Antworten auf Unsichere Zeiten.

  1. Du hast so recht. Aber Menschen sind halt bequem. So wie Recherche nur noch mit google erledigt wird, ist die weniger spannende, aber feste Stelle für viele Nachwuchsjournalisten die Verheißung allen Glücks.
    Was sicher auch daran liegt, dass das Freien-Bild oft negativ verzerrt ist.

  2. Timo Conraths sagt:

    Guter Beitrag und noch bessere Einstellung! Lässt sich im Übrigen auf alle Professionen übertragen!

  3. Leo Ensel sagt:

    Oh, Pauline,

    das hänge ich mir übers Bett!!!!!

    ;-))

    Leo

  4. Marie sagt:

    „…später wurden die FTD und die Frankfurter Rundschau eingestellt.“ Die FR ist insolvent, aber sie wurde nicht eingestellt. Noch erscheint sie. Und jetzt, nach dem plötzlichen Tod unseres Kollegen Felix Helbig, der mit dir in den „Top 30 bis 30“ stand, tun wir als Redaktion erst recht alles dafür, dass das so bleibt. http://www.fr-online.de/abschied-von-felix-helbig/21828358,21828358.html

  5. Marie Heweling sagt:

    Ein interessanter Text, aber ich finde ihn zu einseitig. Das Problem ist aus meiner Sicht nämlich, dass Journalisten nicht mehr die Entscheidungsmöglichkeit haben, ob sie freiberuflich oder fest angestellt arbeiten wollen (vor ca. 15 Jahren, so berichten Bekannte zumindest, war das beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk durchaus noch der Fall).
    Viele werden in die Freiberuflichkeit gezwungen, obwohl sie tw. gar nicht dafür geschaffen sind. Freiberuflich zu arbeiten, ganz egal, ob nun Journalist oder nicht, heißt schließlich auch, dass man zu einem gewissen Teil auch Unternehmer sein muss, sich und seine Texte verkaufen kann (nein, nicht anbiedern!). Es gibt Menschen, die das sehr gut können, anderen ist es schlichtweg ein Graus (da ist die Branche ebenfalls wieder relativ egal). Bis zu einem gewissen Grad lässt sich das sicherlich lernen. Aber wenn es keine freiwillige Entscheidung war, dann sind oft Grenzen gesetzt.
    Außerdem muss sehr genau entscheiden, in welcher Familiensituation man sich befindet. Alleine und ohne finanzielle Verantwortung für andere Menschen (Partner, Kinder) scheint es sehr wohl zu funktionieren. Aber wenn man für drei oder vier weitere Personen verantwortlich ist, dann ist das eine ganz andere Hausnummer. Ich traf unlängst einen Journalisten, der öffentlich-rechtlich arbeitet, seine Frau ebenfalls. Aber beide sagten, dass einer eine Festanstellung braucht (beide haben immer wieder über lange Strecken freiberuflich gearbeitet), damit zumindest für die Familie eine gewisse Sicherheit da ist.

    • pauline sagt:

      Liebe Marie, der Text gibt meine Sichtweise wieder. Ich habe nicht den Anspruch, damit alle Lebenssituationen zu berücksichtigen. Ich spreche von jungen Kollegen, sagen wir 25 oder 26, die wahrscheinlich überhaupt noch nicht an Kinder denken sondern einfach ein diffuses Bedürfnis nach Sicherheit verspüren und glauben, das in einer Festanstellung befriedigen zu können. In Wirklichkeit bedeutet aber eine Festanstellung keine Sicherheit. Es ist vermutlich einfacher und bequemer, weil man nicht immer wieder Texte oder Beiträge anbieten muss und sich – wie als Freiberufler – nicht extrem gut selbst organisieren muss. Ich plädiere nur dafür, sich nicht so sehr daran zu klammern. Vor allem wenn man jung ist und noch vieles ausprobieren kann und soll. Gerade weil man noch keine Verantwortung für Kinder trägt. Wenn man Kinder hat, sieht die Sache anders aus, da hast du vermutlich Recht. Ich habe keine, aber ich möchte anderen Mut machen, auch die vielen Chancen als Freiberufler zu sehen. Und sie zu nutzen. Denn wie hatte das ein Kollege neulich so treffend im medium magazin formuliert: Frei ist das neue Fest. Ob es einem gefällt oder nicht.

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