Reaktionen auf „Inflation der Mittelmäßigkeit“

Ganz ehrlich: Damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe noch nie so viele Reaktionen auf einen Blogbeitrag bekommen wie auf meinen letzten. Darin habe ich mich über die „Inflation der Mittelmäßigkeit“ ausgelassen – und ziemlich viele Prügel einstecken müssen. Manche unterstützen meine Meinung und schreiben unter anderem: „Erfrischend zu hören, wenn jemand mit seiner eigenen Branche kritisch umgeht. Das hört man nicht all zu oft.“ Die allermeisten jedoch sind anderer Meinung als ich. Und dieser Kritik möchte ich an dieser Stelle gegenübertreten.

Zunächst möchte ich mich dafür entschuldigen, dass es nicht möglich war auf meinem Blog Kommentare abzugeben. Ich habe bislang nur wenige Reaktionen auf meine Blogbeiträge bekommen, deshalb hielt es nicht für notwendig. Außerdem hatte ich bislang, wenn ich wiederum ehrlich bin, zu viel Angst vor Trollen. Doch gerade durch die gestrigen Reaktionen ist mir klar geworden, dass ich das nicht mehr so aufrecht erhalten kann und will. Ich habe eine Meinung, andere haben eine andere Meinung und wenn man sie in einem Kommentarfeld hinzufügen kann, dann ergänzt sich das. Idealerweise. Auf jeden Fall gibt es viele Kollegen, die andere Erfahrungen gemacht haben als ich und deshalb muntere ich sie und euch dazu auf diese Kommentarfunktion AB HEUTE fleißig zu nutzen und eure Meinung zu äußern.

Apropos Meinung äußern: Ich publiziere auf meinem Blog ausschließlich meine Privatmeinung. Da ich den Reportagepreis als Einstieg für den Blogpost genommen habe, wirkt es so, als ob die Pauschalkritik, die ich geäußert habe von den Jurymitgliedern des Preises geteilt wird. Dem ist nicht so. Die Jurymitglieder fanden die Einsendungen zum Teil auch ernüchternd, aber sie haben sich in aller Form von meinem Blogbeitrag distanziert. Stefan Plöchinger von Süddeutsche.de war übrigens urlaubsbedingt nicht bei der Jurysitzung dabei und wurde von Thorsten Denkler vertreten.

Ich habe ein Jahr lang für die Finanzierung des Preises gekämpft, zig Stiftungen und Firmen angeschrieben und deshalb war ich in erster Linie sehr enttäuscht darüber, dass sich einige Bewerber nicht so viel Mühe gegeben haben. Ich wollte den Preis damit in keiner Form entwerten. Da ich immer wieder auch als Dozentin im Einsatz bin und mich viel mit Kollegen austausche, habe ich diese „Inflation der Mittelmäßigkeit“ auch an anderer Stelle zu spüren bekommen. Beim Reportagepreis ist das alles offenbar kulminiert und hat mich dazu bewogen diese Gedanken aufzuschreiben. Im Übrigen war der Satz „aber die 29 eingegangenen Reportagen waren wiederum sehr ernüchternd“ irreführend. Denn in Wirklichkeit haben sich ja nach einiger Diskussion drei Preisträger herauskristallisiert. Die bekommen den Preis auch nicht nur, weil wir den Preis unbedingt verleihen wollen sondern weil sie ihn verdient haben. Ich persönlich hätte mir einfach nur mehr von solchen Einsendungen gewünscht.

Es gibt in der Generation zwischen 20 und 30 viel Mittelmaß – aber nicht nur

Und ich gebe zu, dass ich das in meinem Blog zu pauschal formuliert habe. Das kreide ich mir im Nachhinein selber an. Es ist nicht so, dass ALLE Nachwuchsjournalisten zwischen 20 und 30 Jahren Mittelmaß sind. Deshalb habe ich auch geschrieben: „Interessant ist doch zu sehen, dass es heute theoretisch viel mehr Möglichkeiten gibt den Einstieg in den Journalismus zu schaffen, aber die Zahl der guten bis sehr guten Journalisten gleich geblieben ist.“

Natürlich gibt es sie, die fleißigen Nachwuchsjournalisten, die auch Biss haben. In dem Zusammenhang habe ich wirklich anrührende Emails bekommen von jungen Kollegen, die mir von ihrem Engagement erzählt haben und auch diese lesenswerte Replik von Luzia Tschirky: http://jungejournalisten.ch/?p=324. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass ich mit meinen Äußerungen nicht sagen wollte: Früher war alles besser. Ich bin die Letzte, die das sagen würde, schließlich bin ich ganz begeistert von den Chancen der Medienrevolution. Luzia schreibt, dass sich viele Nachwuchsjournalisten durch unzählige unbezahlte Praktika kämpfen müssen. Auch ich musste das. Aber man muss auch irgendwann die Entscheidung fällen: Jetzt ist das vorbei. Spätestens nach dem Studium, finde ich. Ich möchte mich nicht rechtfertigen für meine Meinung. In Deutschland leben wir in einem freien Land, in dem jeder seine Meinung äußern darf – und nicht wie in Russland im Extremfall mit Arbeitslager dafür bestraft wird.

Doch ich gebe offen zu: Ich habe einen Fehler gemacht, indem ich von „meiner Generation“ und von den „Nachwuchsjournalisten“ als solchen gesprochen habe. Das ist ein Fehler, der mir immer wieder passiert. Denn ja – ich neige zu Verallgemeinerungen. Es gibt nicht DIE Deutschen oder DIE Russen oder DIE Nachwuchsjournalisten. Und die Einsendungen für den Reportagepreis sind nicht repräsentativ für eine Generation. Durch meinen Blogpost ist allerdings genau dieser Eindruck entstanden. Und das tut mir sehr leid. Ich wollte weder jammern noch mich beschweren… meine Gedanken sollten eher als Motivationsschub verstanden wissen sich noch ein bisschen mehr anzustrengen. Aber wer bin ich, dass ich das fordern kann? Und natürlich steht es mir nicht zu eine ganze Generation zu verurteilen. Ich gebe es zu: Das war unüberlegt und für manche auch verletzend.

Richtig ist, dass es sie gibt – „die Journalisten mit Biss“. Man findet sie – unter anderem – beim alljährlichen Ranking des „medium magazins“. Da sind „Die Top 30 bis 30“ aufgelistet, die einen durchaus hoffnungsvoll stimmen, in Hinblick auf den Nachwuchs. Die Auserwählten brennen für den Beruf und nehmen allerhand auf sich, um guten Journalismus abzuliefern. Luzia Tschirky sagt: „Statt uns zu beschweren, sollten wir uns besser füreinander einsetzen.“ Und deshalb werden vom 19. bis 21. Oktober die ersten Jugendmedientage in Zürich veranstaltet. Das finde ich großartig! Außerdem zeigt die Tatsache, dass die Einsendungen für das Recherche-Stipendium der Otto-Brenner-Stiftung einen neuen Höchstwert erreicht haben auch, dass es sie noch gibt – die jungen Reporter, die rausgehen und etwas erleben wollen.

Trotzdem gibt es auch einige negative Tendenzen, die mir auf Facebook oder per Mail zugetragen wurden. Einige greife ich exemplarisch heraus:

  • Es wird zunehmend schwieriger mit Journalismus allein sein Auskommen zu bestreiten.
  • Immer mehr Medienhäuser sparen an der Ausbildung und nehmen sich im Alltag keine Zeit mehr mit jungen Leuten an ihren Texten oder Beiträgen zu arbeiten.
  • Es findet zu wenig Textarbeit statt, um zum Beispiel Floskeln zu beseitigen und die Rechtschreibung dauerhaft zu verbessern.
  • Was eine Reportage ist lernt man demnach nicht selten erst an der Journalistenschule.
  • Reportagen brauchen Zeit – und die fehlt oft im Arbeitsalltag.
  • Viele mutige Journalisten sind älteren Semesters, weil das genau jene Journalisten sind, die sich wenig um ihre eigene Position sorgen müssen.
  • Nachwuchsjournalisten hingegen bekommen von Anfang an die eigene Ersetzbarkeit gepredigt – was letztlich nicht zu mutigeren Entscheidungen führt.
  • In vielen Redaktionen kämpfen junge Kollegen mit prekären Arbeitsbedingungen – das bedeutet konkret mit teilweise schlechterer Bezahlung für die gleiche Arbeit und weniger Sicherheit.
  • Gut recherchierte und aufwändige Geschichten werden in der Regel nicht besser bezahlt.
  • Viele Redakteure geben sich mit dem Nacherzählen einer Agenturmeldung zufrieden und fördern nur selten originäre Geschichten.
  • Geschwindigkeit geht immer mehr vor Recherche, Flexibilität vor Fachkompetenz.
  • Mainstream-Meinungen zu vertreten ist einfacher als gegen den Strom zu schwimmen und damit Haltung zu beziehen. Deshalb kommen einige Nachwuchsjournalisten so uninspiriert und gleichförmig daher.
  • In vielen Redaktionen herrscht zu wenig Wertschätzung und kaum Kritikkultur.

Der von mir geschätzte Kollege Simon Kremer schreibt: „Ja, es gibt verdammt viel Mittelmaß. Aber deswegen sind ja nicht alle verloren, nicht doch gute Journalisten zu werden.“ Und Alexander Kempf fasst zusammen: „Jammern wir nicht sondern schreiben oder schneiden Geschichten, die bleiben.“

Wie gesagt, wer dem etwas hinzufügen möchte, der ist herzlich eingeladen seine Meinung – jetzt mit Kommentarfunktion – auf meinem Blog kundzutun. Ich sage: Danke für die konstruktive und sehr lebhafte Diskussion! Und danke an bildblog.de, die meinen Eintrag verlinkt haben und das Ganze dadurch wohl erst so richtig ins Rollen gebracht worden ist: http://www.bildblog.de/41528/grausamkeit-mittelmaessigkeit-berlin-mitte/.

7 Antworten auf Reaktionen auf „Inflation der Mittelmäßigkeit“

  1. Lora sagt:

    Die guten gehen gar nicht erst mehr in den Journalismus. Zu prekär ist die Branche. Wenn man will, dass sich Leute Mühe geben muss man auch angemessen Zahlen und Ressourcen wie Zeit zur Verfügung stellen. Das passiert leider nicht mehr und somit sinkt die Qualität. Das system ist das Problem, nicht der Nachwuchs. In diesem Sinne: „Dont hate the player, hate the game.“

  2. Lasse sagt:

    Eine kleine Korrektur: Pussy Riot, auf die Sie in ihrem dem Text anspielen, sind nicht Gefangene in einem Arbeitslager, sondern in einem Straflager. Die sowjetischen Gulags, an welche heute noch immer viele Deutsche denken und die wirkliche Arbeitslager waren gibt es nicht mehr. Was das Arbeistlager ausmacht, aber in den Straflagern Russlands nicht mehr gibt ist die Zwangsarbeit, die zu Sowjetzeiten unter härtesten Bedingungen geleistet werden musste und viele Tote gefordert hat. Ohne die Bedingungen in den Straflagern Russlands zu beschönigen, sollte man dennoch zwischen diesen und den Gulags differenzieren.

  3. beegee sagt:

    Tja, klarer Fall von Kollegen-Bashing, ohne zuerst nachgedacht zu haben. Sorry: Gestern den Nachwuchsjournalisten einen reinwürgen und heute die Erklärungen – die nun wirklich nicht neu sind – liefern, warum die ganze Sache eine solch negative Entwicklung nimmt – und bereits vor zehn Jahren nahm, als ich noch volontierte. Alle 13 Gründe, meist als ungutes Gemisch zu finden, führen zum derzeitigen Status quo. Das hätte man vorher sauber recherchieren können, wenn man mal in die Welt rausgegangen wäre und mit dem Nachwuchs gesprochen hätte. Und übrigens: Kolleginnen und Kollegen, die den Unterschied zwischen Feature und Reportage nicht kannten, gab es auch schon vor 10 Jahren.

  4. vera sagt:

    Es wäre vielleicht hilfreich gewesen, heute Mittag darauf hinzuweisen, dass die „Reaktionen“ ein weiterer Text sind und es sich dabei nicht um die Kommentare handelt. ,)

    • pauline sagt:

      Es handelt sich schon auch um die Kommentare, weil die negativen Tendenzen, die ich aufgezählt habe aus Kommentaren (z. B. auf Facebook und per Mail) stammen.

  5. Frank sagt:

    @Lora: Mag sein, dass das heute so ist – kann das altersbedingt vielleicht nicht mehr beurteilen. War aber früher auch schon nicht leicht…
    Für den Rest Deines kurzen Befundes der Lage: Volle Zustimmung!

    Was mir aber auffällt ist eine gefühlte deutliche Inflation an Journalistenpreisen in den vergangenen 20 Jahren – da war ich gerade knapp so alt wie Pauline jetzt.
    Ist kein Neid, aber ich habe nie einen solchen Preis erhalten – weil ich mich nie um einen beworben habe? (Stimmt nicht ganz, eine Ehrung ist mir für ein Buch zuteil geworden, aber auch ohne dass ich mich darum beworben hätte..)

    Frage: Hat das – die Fülle der Preise – nicht auch etwas mit dem „Gruselkabinett der Eitelkeiten“, mit Selbstbeweihräucherung in unserer Branche zu tun? Und ist dann die von Pauline beklagte inflationäre Mediokrität nicht quasi natürliche Folge der zunehmenden Angebote an Journalistenpreisen, Medienakademien etc.???

  6. Man sollte nicht überbewerten, wenn ein junge – ja: unerfahrene! – Kollegin wie Pauline darüber erstaunt ist, wer sich da alles mit was für Texten größenwahnsinnigerweise um einen Journalistenpreis bewirbt. In ihrem Alter hätte ich wahrscheinlich auch noch den Kopf geschüttelt. Heute ist mir aber klar: 1000 Euro sind für einen freien Journalisten (zumal für einen Berufseinsteiger) zuviel Geld, um es nicht zu versuchen. Es kostet ja nichts, mitzumachen – außer vielleicht der Bereitschaft, sich vor der Jury zu blamieren –, und an Mittelmaß („Mittelmäßigkeit“ ist nur eine mittelmäßige Formulierung) bestand noch nie Mangel in unserer Branche. Eine Jurorin hat das natürlich am Ende mit auszubaden.
    Wir sind uns alle wohl einig, dass zumindest im Journalismus (fast) alles früher besser war – und dazu gehörte, dass früher erfahrene Kollegen Zeit hatten (und sich nahmen), mit dem Nachwuchs an dessen Arbeiten zu feilen. Das ist selten geworden. Wer keinen wohlwollenden älteren Sparringspartner hat, den er vor der Bewerbung um einen Preis um Rat fragen könnte, der schickt dann natürlich nicht die Storys ein, die toll sind, sondern die er selbst toll findet.
    Was die beklagenswerten Zustände in unserer Zunft betrifft, etwa die üblichen Einschüchterungen („du bist zu teuer und jederzeit ersetzbar“), so sind sie unabhängig vom Alter, das betrifft alle Freien. Wir Älteren haben lediglich einen Vorsprung an Lebenserfahrung, der uns hilft, damit umzugehen und zu zeigen, dass wir vielleicht doch etwas auf dem Kasten haben, das anderen noch fehlt.

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